Von kaiserlichem Glanz zu Kohlenstaub: Die Legende der «Greif»
Stell dir vor, du gleitest über den Greifensee, begleitet vom rhythmischen Stampfen und Zischen einer echten, kohlebefeuerten Dampfmaschine. Das Dampfschiff «Greif» ist nicht einfach nur ein Boot – es ist ein schwimmendes Kulturgut und das landesweit letzte seiner Art!
Wie ein altes Luxusschiff von Kaiser Napoleon III. den Grundstein für diese Zürcher Legende legte und wie eine Gruppe leidenschaftlicher Ustermer Pioniere die längst verschollen geglaubte Original-Dampfmaschine in jahrelanger Handarbeit rettete?
Klick auf Play und lass dir diese faszinierende Geschichte voller Kohlenstaub und Herzblut erzählen!
Das Dampfschiff «Greif» ist ein mobiles Kulturgut und das älteste und einzige mit Kohle befeuerte Dampfschiff in der öffentlichen Personenschifffahrt der Schweiz.
Als in den 1830er-Jahren die Verbindungsstrasse nach Zürich ausgebaut wurde, weigerte sich Maur angeschlossen zu werden. Die Strasse führte dann unter Umfahrung von Maur über die Forch. Gleichzeitig industrialisierten sich auf der anderen Seite des Greifensees Uster und das Aathal immer stärker. Auch dort baute der Kanton die Strassen aus und in den 1850er-Jahren kam die Eisenbahn dazu, ebenfalls weit weg von Maur. Weil Maur Ende des 19. Jahrhunderts doch eine bessere Anbindung anstrebte, wurde 1890 die «Gesellschaft für Dampfschifffahrt auf dem Greifensee» gegründet. Diese ersetzte die Ruderboote, die zwischen Niederuster und Maur verkehrten, schnell durch ein Kursschiff, das sie aus dem Schiffsbestand von Napoleon III. und Kaiserin Eugénie erstand. Das Luxusschiff für 25 Personen war 1868 in Nantes erbaut worden und ging unter dem Namen DS Delphin vom Stapel. Es diente der kaiserlichen Familie bis zum Tod Napoleons III. für Vergnügungsfahrten auf dem Bodensee während den Sommermonaten, in denen sie sich auf dem Schloss Arenenberg aufhielt.
Nach einem Schiffsunglück am 3. April 1892 verlor die Bevölkerung das Vertrauen in das alte, wieder fahrtüchtig gemachte Schiff. Sie forderte stattdessen ein zeitgemässes, neues Dampfschiff. Die Dampfschiffgesellschaft kam dem Wunsch nach und bestellte am 4. Juli 1895 bei Escher Wyss ein auf die Bedürfnisse der Region ausgerichtetes Schiff. Ein schweres Fuhrwerk mit 14 vorgespannten Pferden transportierte es bereits drei Monate später nach Uster und am 12. Oktober 1895 fand die Jungfernfahrt auf dem Greifensee statt.
Das DS Greif ist ein Eindeck-Schraubenboot mit versenkter Vorschiffs-Kabine. Es ist 13,30 m lang und 2,80 m breit und hat eine Schiffsschale aus 3 mm dickem Siemens-Martin-Stahlblech mit Walzprofilen. 1916 wurde das Schiff umgerüstet und mit einem Benzin-, 1968 mit einem Dieselmotor versehen, die Dampfmaschine wurde verkauft. 1951 erhielt es eine neue Vorschiffkabine, die jedoch nicht zur Form der Schale passte.
Als man sich in unserer Gegend in den 1970er- und 1980er-Jahren für die industriegeschichtliche Vergangenheit zu interessieren begann, wurde das DS Greif als mobiles Kulturgut wiederentdeckt. Das Interesse, diese Denkmäler zu erhalten und wieder in den Originalzustand zu versetzen, war gross.
1979 reifte gar die Idee einer Revaporisierung. Damals tauchte nämlich die als längst verschrottet geglaubte Originaldampfmaschine wieder auf. Es handelt sich um eine vertikale zweizylindrige Verbund-Dampfmaschine mit Zylinderdurchmessern von 120 und 170 mm sowie einem Kolbenhub von 120 mm. Sie leistet 10 PS, resp. 7,5 kW bei 200 Umdrehungen in der Minute. Die innere Steuerung besteht aus einem Kolbenschieber beim Hochdruckzylinder und einem Flachschieber beim Niederdruckzylinder. Die äussere Steuerung der Schieber zur Umsteuerung und Dampffüllungsregulierung der Maschine ist in einer vereinfachten Bauart der sogenannten Lenkersteuerung ausgeführt.
Die Denkmalpflege wurde eingeschaltet und erstellte ein Gutachten, worin steht, dass das DS Greif «erhalten und in seiner ursprünglichen Erscheinung und Funktionsweise rekonstruiert werden soll. (…) Damit wäre das DS Greif der letzte Zeuge unter Dampf einer vor dem 1. Weltkrieg aufgegebenen Produktionssparte, nämlich des Baus von Binnengewässer-Schraubendampfern, die auf Flüssen und Seen Zentraleuropas verkehren. Auch vermittelt die Greif dank ihrer offenen, durch das Oblicht gut sichtbaren Dampfmaschinenanlage einen Eindruck der Technik und Arbeitswelt, die in den Kessel- und Maschinenräumen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts vorherrschten» (Kunz 1981).
Tatsächlich tauchte die damals verkaufte Dampfmaschine des DS Greif wieder auf. Nach nur einem Tag Bedenkzeit kauften die Ustermer Jakob Büchi, Werner Graf und Hans Müller die Dampfmaschine und gründeten am 19. Mai 1983 eine Stiftung mit einem Gründungskapital von 10’000 Franken, das der Rotary Club Uster zur Verfügung stellte. In der Werkstatt der Büchi AG nahm Jakob Büchi die Maschine sorgfältig auseinander und revidierte sie in langer Knochenarbeit (Surbeck, Kunz, S. 54−55). Zu allerletzt kam noch der Schriftzug dazu. «Ich sägte die Buchstaben aus Messingblech mit einer metallsägeblättchenbestückten Laubsäge aus und liess die Buchstaben vergolden. Mit feinen, vergoldeten Schräublein befestigten wir die Lettern am Schiff. Nur das allerschönste Messinggeländer aller Schweizer Passagierschiffe war gut genug für die Greif. Wir haben es ebenfalls in der Büchi AG hergestellt» (Büchi 2000, S. 162−163).
Heute ist das Dampfschiff Greif als mobiles Kulturdenkmal auf dem Greifensee nicht mehr wegzudenken.
J. Büchi, Not macht erfinderisch. Aus meinem Leben. Uster 2000.
C. Fischer-Karrer, Vier Ustermer Persönlichkeiten − Taktstock, Italianità, Dampfschiff und eine Taschenuhr. Uster 2019.
P. Surbeck, Ch. Kunz, F. Lebert, Das Dampfschiff Greif und die SGG. Uster 1995.
Ch. Kunz, Gutachten DS Greif. Zürich 1981.
Der Duft verbrannter Steinkohle auf dem Greifensee, in: NZZ 31.7.2008.
(Claudia Fischer-Karrer, 2024)
Zum Beispiel
www.de.wikipedia.org