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Turicum

Von zarten Seidenfäden zu brüllenden Motoren

Stell dir vor: Wo heute dieses schlossartige Gebäude am Aabach thront, wurden einst nicht nur feine Seidenfäden gesponnen, sondern echte Schweizer Rennwagen gebaut! Was 1852 als repräsentative Seidenspinnerei begann, verwandelte sich bald in die Produktionsstätte der legendären Automarke «Turicum».

Wie eine alte Zürcher Kegelbahn, ein blutbildendes Wundermittel und zwei ehrgeizige Tüftler dazu führten, dass hier in Uster für sechs turbulente Jahre internationale Automobilgeschichte geschrieben wurde?

Hör in die gesamte Geschichte des heutigen Turicum hinein: 

Im untersten Gefällbereich des Aabachs, nahe dem Greifensee, liess Seidenspinner Andreas Bindschädler (1806–1885) in drei Etappen (1852–1863) einen repräsentativen klassizistischen Fabrikbau errichten. Der fünfgeschossige, schlossartige Hauptbau mit Walmdach weist seitlich zwei Flügel auf und in der Mitte einen vorspringenden Treppen- bzw. Uhren- und Glockenturm. Nordseitig schliesst der zum Wohnhaus umgebaute ehemalige Wäscherei- und Ökonomietrakt an.

Fabrikant Bindschädler machte auch aus der mechanischen Werkstätte (1853) von Statthalter Heinrich Berchtold ein Wohnhaus. Es gehört neben Wasserkraftanlagen, Arbeiterwohnhäusern und dem angrenzenden Fabrikantenpark mit altem Baumbestand zum Ensemble. Die Villa dient heute als Bürohaus.

1891 ging die Fabrikanlage an die Schappe- und Kordonettenspinnerei Zürich über und entwickelte sich zum grössten Fabrikbetrieb in Uster. Nach deren Stilllegung liess der Arzt, Unternehmer und Financier Dr. Adolf Hommel Mitte 1906 die Spinnerei zur Autofabrik für die Marke «Turicum» umbauen. Aus der Fabrik wurde eine Halle mit seitlichen Galerien. Die Automarke Turicum gab dem Gebäude ab Ende 1907 den Namen, nachdem der Konstrukteur Martin Carl Fischer seine Anteile der «Martin Fischer & Cie., Motorwagenbau» an die Ende November 1907 neu gegründete «Turicum AG» verkaufte.

Der Uhrenmacher und Fabrikant Martin Carl Fischer (Magneta AG, Zürich) begann im Juli 1904 mit seinem Jugendfreund Paul Vorbrodt in einer alten Kegelbahn an der Plattenstrasse 14 in Zürich an einem Prototypen eines Motorwagens mit vier Rädern zu tüfteln. Von dieser Idee konnten die beiden Dr. med. Adolf Friedrich Hommel von Wyk (1851–1913) überzeugen, der durch die Produktion eines blutbildenden Präparats reich geworden war und in der Villa «Dem Schönen» am Parkring 30 in Zürich-Enge wohnte. Nach den weltweiten Erfolgen der ebenfalls von Dr. Hommel finanzierten Uhrenfabrik Magneta AG investierte dieser auch in das «Fischer-Auto-Projekt». Bald wurde die Kegelbahn zu klein, man zog für ein Jahr an die Gloriastrasse 55 und Hommel kaufte Ende 1905 eine kleine Fabrik an der Forchstrasse 307 in Zürich. Als auch dort der Platz zu eng wurde, erstand Hommel nur sechs Monate später, Mitte 1906, die stillgelegte Seidenfabrik Bindschädler in Niederuster und stellte sie Fischer und Vorbrodt für die Turicum-Serienfabrikation zur Verfügung.

Obwohl sie mit dem Turicum-Auto durch technische Innovationen und etliche Rennerfolge im In- und Ausland grosse Aufmerksamkeit erregten, verliess Martin Fischer Ende September 1907 nach Meinungsverschiedenheiten die Firma. Nach zweieinhalb Jahren Entwicklung in Zürich und nur sechs Jahren Serienfabrikation in Uster wurde die Produktion Ende Dezember 1912 eingestellt. Die Maschinenfabrik Zellweger AG Uster baute später die Zwischengeschosse wieder ein.

Seit 1979 figuriert die Fabrik im regionalen Schutzinventar. 1992 genehmigte der Stadtrat einen privaten Gestaltungsplan (Umsetzung ab 2005 in Etappen), der es ermöglichte, das Fabrikgebäude zu einem Gewerbehaus auszubauen und zu ergänzen sowie zusätzliche Wohnbauten zu erstellen.

Stadtarchiv und Kläui Bibliothek Uster.
H.-P. Bärtschi, R. Zeier, in: Die industrielle Revolution im Zürcher Oberland. Wetzikon 1985, S. 83−93.
H.-P. Bärtschi, Industriekultur im Kanton Zürich. Zürich 1994.
H.M. Gubler, Die Kunstdenkmäler des Kantons Zürich. Die Bezirke Pfäffikon und Uster, Bd. III. Basel 1978.
P. Kläui, Geschichte der Gemeinde Uster. Uster 1964.
P. Nussberger, Die Villa «Dem Schönen» am Parkring in Zürich-Enge, in: Zürcher Kalender 1969, S. 51–54.
Turicum bis Walde, in: Uster report März/April 2004.

(Claudia Fischer-Karrer, 2024)

Zum Beispiel

www.de.wikipedia.org

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